Beelitzer Heilstätten – Sammelrezension

Die Beelitz-Heilstätten, die zwischen 1898 und 1930 vor den Toren Berlins auf zirka 200 Hektar vorrangig für rund 1.200 lungenkranke Patient*innen entstanden, sind bis heute unter medizin-, pflege-, architektur- und kulturhistorischen Gesichtspunkten hochinteressant. Dementsprechend liegen über den einstigen Krankenhauskomplex zahlreiche Publikationen vor, von denen nachfolgend vier neuere Arbeiten vorgestellt seien.

 
pawlikPeter R. Pawlik, Irene Krause
Beelitz-Heilstätten
Heilpalast – Lost Place – Neue Stadt
Mit einem einleitenden Aufsatz von Falk Jaeger, Beiträgen von Axel Hinrich Murken, Elke Seidel sowie Fotografien von Reinhard Görner

Geymüller Verlag für Architektur, Aachen, Berlin, 2021,  2., durchgesehene und korrigierte Auflage, 317 Seiten, Hardcover, 39,- €, ISBN 978-3-943164-52-7

Im Jahre 2020 erschien der großformatige Band „Beelitz-Heilstätten. Heilpalast – Lost Place – Neue Stadt“, der die Medizin-, Entwicklungs- und Baugeschichte der Beelitz-Heilstätten ausführlich und mit vielen Details erzählt. Verfasst wurde das umfangreiche Werk, von dem bereits ein Jahr später eine zweite, durchgesehene und korrigierte Auflage erschien, von Dr. Ing. Peter R. Pawlik (Jahrgang 1946), freischaffender Krankenhausarchitekt sowie Verfasser zahlreicher Publikationen und Vorträge im In- und Ausland zu aktuellen und historischen Themen im Krankenhausbau, und Irene Krause (Jahrgang 1956), die als selbständige Gästeführerin in Beelitz-Heilstätten, Potsdam und Beelitz tätig ist.

Nach einem einleitenden Aufsatz von Dr. Falk Jaeger (Jahrgang 1950), Architekt und Bauhistoriker, in dem er unter der Überschrift „Ein verwunschener Ort“ (S. 9 – 13) die jüngere Geschichte und Entwicklung der ehemaligen Beelitzer Heilstätten skizziert, gibt Peter R. Rawlik eine Einführung zur Geschichte der „Tuberkulose“ (S. 15 – 20), bevor Dr. med. und Dr. phil. Axel Hinrich Murken, (Jahrgang 1937), von 1981 bis 2003 ordentlicher Professor für Geschichte der Medizin und des Krankenhauswesens an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und Autor zahlreicher Bücher und Publikationen zur Medizin-, Krankenhaus- und Kunstgeschichte, die Geschichte der Lungensanatorien und ihre Therapien (S. 23 – 41) vorstellt.

Ausführlich zeichnen die Autor*innen sodann die Architekturgeschichte der weitläufigen Anlage nach, wobei sie gestalterische Aspekte ebenso erläutern wie die Logistik und historische Nutzung des Areals. Das Buch, dem auch ein separater Übersichtsplan der gesamten Anlage beigefügt ist, enthält eine Vielzahl bisher unveröffentlichter historischer Abbildungen, ebenso wie aktuelle Fotos des renommierten Fotografen Reinhard Görner, dessen Fotos die besondere Atmosphäre des Ortes besonders greifbar machen.

Ergänzt wird die Darstellung, die ein facettenreiches Bild der ereignisreichen Geschichte der Beelitzer Heilstätten vermittelt, durch einen Beitrag von Dr. med. Elke Seidel (Jahrgang 1948), von 1983 bis 1988 als Kreistuberkuloseärztin Leiterin der Poliklinischen Abteilung für Lungenkrankheiten und Tuberkulose Potsdam, über „Die Bezirksfachklinik für Lungenkrankheiten und Tuberkulose“ (S. 272 – 279), die sich zwischen 1953 und 1998 in dem sogenannten „Eiermannbau“ – benannt nach dem Erbauer, dem Architekten Egon Eiermann (1904 – 1970) – einen überregionalen Ruf erworben hat.

In einem Ausblick machen Peter R. Pawlik und Irene Krause darauf aufmerksam, dass nicht nur der Pioniergeist der Wissenschaftler und Mediziner, die im Kampf gegen die tuberkulose nach langwierigen Versuchen ein Mittel gefunden haben, die Krankheit zu besiegen, zu würdigen ist. Man sollte auch die außerordentlichen geistigen und gestalterischen Leistungen der Baumeister und Architekten nicht vergessen, die historisch betrachtet immer wieder gefordert waren, angemessene Bauformen für die sich stets wandelnden Herausforderungen der Unterbringung von Kranken zu finden. Sodann halten sie zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung wörtlich fest: „Die Beelitz-Heilstätten stellen einen Meilenstein und Höhepunkt der Heilstätten-Bewegung dar. Nie wurde ein größerer zusammenhängender Baukomplex für dieses Klientel errichtet. Sein Erhalt ist von überragender kulturhistorischer Bedeutung und mit diesem Buch soll den Initiatoren und den Architekten ein Denkmal gesetzt werden“ (S. 297).

 


 

böttgerAndreas Böttger, Andreas Jüttemann, Irene Krause
Beelitz-Heilstätten
Vom Sanatorium zum Ausflugsziel (Geschichts- und Erinnerungsorte) 

Orte der Geschichte e. V., Berlin, 2022, 5. Auflage, 92 Seiten, Broschur, 5,- €, ISBN 978-3-946438-00-7

Die von Andreas Böttger (Jahrgang 1975), PD Dr. Andreas Jüttemann (Jahrgang 1985) und Irene Krause (Jahrgang 1956) verfasste Schrift „Beelitz-Heilstätten. Vom Sanatorium zum Ausflugsziel“, die erstmals 2015 erschien und inzwischen in der fünften Auflage vorliegt, wendet sich an die breite Öffentlichkeit. Das kleinformatige Büchlein, das in der Reihe „Geschichts- und Erinnerungsorte“ erscheint, gliedert sich in fünf Haupt- und zahlreiche Unterkapitel, in denen die Geschichte der Heilstätten von 1900 bis heute in knapper Form dargestellt wird. Berichtet wird so über den Bau der Heilstätten, die hygienischen Ansprüche, die Bestandteile der Tuberkulosetherapie und den Patientenalltag in der Lungenheilstätte, die Park- und Gartenanlagen sowie Beelitz im Ersten und Zweiten Weltkrieg. In einzelnen Abschnitten werden sodann auch das Chirurgiegebäude, das Ausweichkrankenhaus, das Ende der Beelitzer Heilstätten als Lungenheilstätten und der Militärstandort Beelitzer Heilstätten 1945 bis 1994 vorgestellt, ebenso wie die gegenwärtige Nutzung, der Baumkronenpfad Beelitz, das Fachkrankenhaus für neurologische Frührehabilitation, das Projekt „Quartier Beelitz-Heilstätten“, das Heizkraftwerk und die Besichtigungsmöglichkeiten. Schließlich gibt es noch Hinweise auf weitere verlassene Heilstätten in Brandenburg (Heilstätte Grabowsee, Hohenlychener Heilanstalten, Lungenheilstätte Cottbus-Kolkwitz), die derzeit eine Umnutzung erfahren.

Das kleine aber feine, durchgehend mit zeitgenössischen und aktuellen Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Büchlein ist ideal geeignet für Besucher*innen der Beelitz-Heilstätten, die sich einen ersten Überblick über die Einrichtung und ihre Geschichte verschaffen möchten.

 


 

MielzarjewiczMarc Mielzarjewicz
Lost Places Beelitz-Heilstätten
Mit Textbeiträgen von Martin Heydecke, Übersetzung ins Englische von Maria Meinel und Dieter Engelbrecht

Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale, 2020, 4. Auflage, 144 Seiten, Hardcover, 19,90 €, ISBN 978-3-89812-652-6

„Lost Places“ oder Orte, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind, erfreuen sich großer Beliebtheit als Fotomotive oder Drehorte, wodurch sie wieder in den kulturellen sowie touristischen Fokus gelangen – so auch die Beelitz-Heilstätten. Bereits im Jahre 2010 veröffentlichte Marc Mielzarjewicz sein Buch „Lost Places Beelitz-Heilstätten“, das nach 2011 und 2014 nun bereits in der vierten Auflage vorliegt. Der Autor (Jahrgang 1971), der seit den 1980er Jahren mit Schwerpunkten Architektur- und Detailfotografie sowie marode Architektur fotografiert und über „Lost Places schon zahlreiche Bildbände (zu Halle / Saale, Leipzig, Chemnitz, Magdeburg und Harz) vorgelegt hat, präsentiert darin rund 100 ganzseitige – einige auch doppelseitige – Schwarzweißfotos, denen einleitend – auf deutsch und auf englisch – ein knapper Abriss zur Geschichte der Beelitz-Heilstätten vorangestellt ist. Die nach dem Abzug der sowjetischen Truppen so hoffnungsvoll begonnenen rettungs- beziehungsweise Sanierungspläne seien mit der Insolvenz der neuen Eigentümergesellschaft ins Stocken geraten. Einiges habe gerettet werden können, anderes liege noch immer im Dornröschenschlaf und warte auf seine Erweckung. Zur Bedeutung und Intention des Buches heißt es dann wörtlich: „Diese schlafenden Kleinode gilt es in diesem Band zu entdecken. In seiner fotokünstlerischen Dokumentation zeigt Marc Mielzarjewicz die Leere, Verlassenheit und den einsetzenden Zerfall der historischen Immobilien, die morbide Schönheit und den Glanz des Vergangenen“ (S. 10).

Zum Männersanatorium (Badehaus), Frauensanatorium, Männer-Lungenheilstätte und Frauen-Lungenheilstätte finden sich jeweils kurze Texte von Martin Heydecke, die von Maria Meinel und Dieter Engelbrecht ins Englische übersetzt wurden. Insgesamt enthält der Band außdrucksstarke Fotos, die eindrucksvoll den morbiden Charme der über Jahrzehnte verfallenen Gebäude zeigt.

 


 

bobergDaniel Boberg
Verlassene Orte in Brandenburg
Die Faszination des Verfalls

Sutton Verlag, Erfurt, 2019, 159 Seiten, Festeinband, 29,99 €, ISBN 978-3-96303-013-0

„Verlassene Orte in Brandenburg. Die Faszination des Verfalls“ ist ein Bildband von Daniel Boberg der dazu einlädt, mit ihm auf Entdeckungstour zu gehen: „Dieser Bildband nimmt dich mit in eine verlassene Welt und zeigt dennoch nur einen kleinen Teil dessen, was man in diesen Objekten zu sehen bekommt“ (S. 7). Der Autor, Software Entwickler und Fotograf, der unter anderem den Blog „pixelgranaten.de“ mit betreibt und bereits Bildbände über „Verlassene Orte“ in Berlin (2018), in Nordrhein-Westfalen (2020), im Ruhrgebiet“ (2021) und in Niedersachsen (2021) veröffentlichte, stellt im vorliegenden Buch stillgelegte Industrieanlagen und vor langer Zeit geschlossene Heilstätten und Sanatorien vor, neben den „Beelitz-Heilstätten“ (S. 120 – 137) auch die „Heilstätte Grabowsee – Volksheilstätte für Tuberkulose“ (S. 8 – 21), das „VEB Kraftfuttermischwerk am Röblinsee“ (S. 22 – 35), das „Heeresbekleidungsamt Bernau“ (S. 36 – 45), die „Landesirrenanstalt Teupitz“ (S. 46 – 59), die „Kaserne Vogelsang“ (S. 60 – 65), das „Pflegeheim Saalower Berg“ (S. 66 – 79), das „Elisabeth-Sanatorium“ (S. 80 – 91), das „ESB-Beschlägewerk Luckenwalde“ (S. 92 – 109), das „NVA-Treib- und Schmierstofflager Niederlehme (S. 110 – 119) und „Wünsdorf“ (S. 138 – 159).

Neben kurzen Einführungstexten zur Geschichte der jeweiligen Gebäude präsentiert der Autor rund 120 brillante Aufnahmen, die den Betrachter fesseln und mit viel Liebe zum Detail die von Mensch und Natur hinterlassenen Spuren der vergangenen Jahrzehnte offenbaren. Die stimmungsvollen Bilder, verdeutlichen zugleich meisterhaft die Vergänglichkeit der Bauwerke.

 

Wer sich für die Vergangenheit der „Beelitzer Heilstätten“ interessiert, kann auf mehre Publikationen zurückgreifen, die mehr oder weniger ausführlich über die Architektur- und Medizingeschichte der einst so bedeutenden Gesundheitseinrichtung vor den Toren Berlins informieren. Was man unterdessen in allen hier vorgestellten Büchern schmerzlich vermisst sind Angaben zum Pflegepersonal, also zu den Frauen und Männern, die für die pflegerische Versorgung der Patient*innen verantwortlich waren. Zum Ausdruck kommt dies deutlich im Personenregister (S. 313 – 314) des Buches von Pawlik und Krause, das zahlreiche Berufsgruppen namentlich auflistet, darunter Ärzte, Architekten, Baumeister, Naturforscher, Politiker, Dichter und Juristen, jedoch keine einzige Pflegeperson. Eine pflegehistorische Studie auf Grundlage von Primärquellen und Gesprächen mit Zeitzeug*innen wäre wünschenswert, steht bisher jedoch noch aus.

 

Eine Sammelrezension von Dr. Hubert Kolling